La Serenissima Carnevale di Venezia 2014

Durch Renaissance-Kostüme soll der Karneval in Venedig vor touristischer Verflachung bewahrt werden. Die Gewänder sind aufwendig gefertigt – als Vorlage dienen Gemälde und ein Modebuch von 1807.
Der Karneval in Venedig ist ein ernsthaftes Fest, allemal für Venezianer, die sich ihrer Geschichte bewusst sind. Wen Massimo Andreoli dazu einlädt, an diesem Samstag im Gefolge des Dogen am „Festa delle Marie“ teilzunehmen und am Sonntag am Engelsflug („Volo dell’angelo“) auf dem Markusplatz, dessen Festgewand muss nach Schnitt und Fertigung aus der Renaissance stammen, in der die Feste ihren Ursprung haben.


So wollen es die Regeln des „Consortium of European Re-enactment Societies“ (Cers) und sein Präsident Massimo Andreoli, der neben Schlachten, Pilgerzügen und Festen in ganz Europa auch den historischen Karneval seiner Heimatstadt in der Lagune ausrichtet.
Noch in den siebziger Jahren sei der Karneval in Venedig eine flache Sache gewesen, bei der sich vor allem Touristen mit schlichten Masken vergnügt hätten, sagt er. „Dann haben wir Venezianer beschlossen, das wichtigste Fest der Lagune zurückzuerobern!“

Turnschuhe und Designer-Brillen genügen da nicht. Die Frau des Feuerwehrmannes etwa, der auch in diesem Jahr wieder die Rolle des Dogen spielt, muss ihr Gewand vom Vorjahr zwar nur wieder aufbügeln, aber die geflochtenen Lederschuhe sind nicht mehr zu gebrauchen, da müssen noch neue her. Die Dogaressa, Massimo Andreolis Ehefrau Petra Schaefer, Kunsthistorikerin am Deutschen Studienzentrum im Palazzo Barbarigo, wo der Karneval ein Forschungsthema ist, hat ihr Gewand längst gewaschen, gestärkt und gebügelt.


Aber andere im Gefolge des Dogen müssen noch zum Atelier Pietro Longhi, einem der wohl fünf Ausstatter für Venedigs Feste. Dort wacht Francesco Briggi darüber, dass die Kleidungsstücke nicht aus der Zeit fallen. Sein Mitarbeiter Rafaelle Dessi zeigt Farbdrucke von Gemälden des Rokoko-Malers Pietro Longhi, nach dem sich das Atelier nennt. Für die Renaissance-Zeit verlässt man sich auf Gemälde Bellinis, seines Schülers Tizian und dessen entfernten Vetters Cesare Vecellio.
Der starb 1601 in Venedig und hinterließ ein Holzschnitte-Buch mit Gewändern von der Antike bis zu seiner Zeit. Francesco Briggi und Rafaelle Dessi stöbern in Museen und auch in der Bibliothek des deutschen Studienzentrums nach Anregungen für ihre Schneiderarbeit.

Sie ziehen das Modebuch des aus Flandern stammenden Venezianers Giovanni Grevembroch von 1807 zu Rate. Mit Theatern stehen sie in regem Austausch. „Vor Nylon, Viskose und Reißverschlüssen ekeln wir uns“, sagt Dessi. Das Studio verarbeitet traditionell gefertigte Garne, Knöpfe aus Knochen und Perlmutt, die es seit dem 13. Jahrhundert gibt, Samt und Taft von Herstellern in Norditalien, Seide aus Como.


Fischgräten lassen die Kragen der Gewänder steif und hoch abstehen. Die unauffälligen Renaissance-Uniformen für die Herren Prokuratoren, die sich den Sparsamkeitsgeboten der Serenissima zu beugen hatten, hängen schon auf der Stange. Aber in den letzten Tagen vor dem Karneval arbeiten fünf Schneiderinnen noch an Gewändern für die Ehefrauen der Prokuratoren.


Eines, zu fertigen nach einem Gemälde aus Venedigs Museen, hat ein enges Oberteil aus gelber Seide mit Silberfaden-Rauten, die Ärmel sind verstärkt, von der Brust fällt die Seide reich hinab bis auf die Schuhe. Darüber trägt diese Prokuratorenfrau ein dunkelgrünes Oberkleid aus Taft, das die Schultern frei lässt und vorn mit Schlaufen verschnürt wird. Der Hut ist aus den beiden Stoffen der Kleider gefertigt und muss noch mit Glasperlen verziert werden. Nicht ganz unwichtig: Der Schnitt des Kleides lässt zwei Lagen Unterwäsche zu, falls es kalt wird am Wochenende.


An diesem Samstag beginnt gegen Mittag der Festzug der Marien an einer der Kirchen nahe beim Arsenal. Im 14. Jahrhundert kam das Fest auf, der Doge schenkte zwölf armen Mädchen der Stadt eine reiche Aussteuer. Seit 1999 wird es wieder gefeiert, und so werden zwölf schöne Jungfrauen in schmucklos braunen Gewändern auf Kissen in langer Prozession ins Zentrum der Stadt getragen.


Der Doge und sein Gefolge begleiten den Zug, Hellebardiere und Gardisten schützen ihn vor der unentwegt fotografierenden Menge der Zuschauer. Die schönste der Marien-Jungfrauen vom vergangenen Jahr darf dann am Sonntag den Engel spielen. Schwindelfrei sollte sie sein, denn sie schwebt langsam am Seil vom 95 Meter hohen Campanile auf die Piazza San Marco herab.
Diesmal ist die Studentin Julia Nasi der Engel, der als Himmelsgabe zum Feuerwehr-Dogen herab kommt und von ihm umarmt werden darf.

Dann wird die Menge auf dem Platz in großen Jubel ausbrechen, und bald darauf werden Doge und Engel, Dogaressa und Prokuratoren auf rotem Teppich ins Café Florian schreiten, um sich aufzuwärmen. Mille Grazie Sig. JÖRG BREMER Venedig


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